Handelsgericht gegen Dokumentlieferdienst

Rechtsanwalt Martin Steiger hat in seinem Blog einen bemerkenswerten Kommentar zum Entscheid des Zürcher Handelsgerichts in der Causa STM-Verlage gegen ETH-Bibliothek veröffentlicht.

Dazu ist noch zu ergänzen, dass man diesen Entscheid in erster Instanz durchaus erwartet hat. Man kann davon ausgehen, dass der Entscheid an das Bundesgericht weitergezogen wird, wo die Karten neu verteilt werden. Das Schweizer Urheberrecht erlaubt durchaus auch eine andere Sicht der Dinge. Aus Bibliothekssicht wirft die Begründung des Handelsgerichts (siehe Blogbeitrag steigerlegal) jedoch einige Grundsatzfragen auf, welche ich hier kurz ansprechen möchte:

Dokumentenlieferdienst sei also keine Kernaufgabe von Bibliotheken. Dieser bestehe darin, dass die Dokumente physisch vor Ort bereitgestellt werden, wo die Nutzer sie dann persönlich konsultieren und auszugsweise auch kopieren dürfen. Wir dürfen mit derselben Logik fragen, ob das Angebot elektronischer Ressourcen überhaupt zur Kernaufgabe von Bibliotheken gehört? Zumindest dort, wo es auch Printbestände gibt, sollte das doch genügen.

Das Urteil geht davon aus, dass durch die Bibliotheksdienstleistung kein Mehrwert aus Nutzersicht entsteht, da er genau das gleiche Angebot auch von Verlagsseite kriegt: den elektronischen Zeitschriftenartikel. Der einzige Unterschied bestehe darin, dass man bei der Bibliothek weniger für den Artikel bezahle und dass dadurch dem Verlag ein Geschäft entgehe. Nur: was ist denn mit den Recherchemöglichkeiten, welche die Bibliotheken anbieten? Sei es über die eigene Suchmaschine (z.B. das Wissensportal der ETH-Bibliothek) oder über lizenzierte Datenbanken? Oder wie steht es mit dem Beratungsdienst, der die Nutzer schliesslich das geeignete Dokument finden lässt? Soll die Allgemeinheit auch hier die Kosten für diese Mehrwertdienste tragen, damit der Nutzer dann nochmals für den Artikel bezahlen muss? Dann würde das so einseitige Geschäftsmodell noch um eine Dimension erweitert: die Allgemeinheit zahlt die Verlage nicht nur für die Produktion und den Review wissenschaftlicher Artikel, für die Lizenz der Zeitschriften, sondern auch noch für die Vermittlung der Kunden.

Tja, und somit kann ich jetzt die Brücke schlagen zur Begründung, weshalb wir nicht genug Open Access-Zeitschriften haben können. Wir haben es für unsere eigene Branche in den Händen. Und ich begrüsse die Entwicklung, dass auch der VDB neben der Informationspraxis gerade jetzt eine neue OA-Zeitschrift gründet. Let’s do it! Now!

Autor: mrudolf

Professor for Library Science at HTW Chur (university of applied sciences), co-editor of Informationspraxis, co-principal investigator of the Horizon Report Library Edition, blogging on library topics - and also on mindful living (in German as Männerherz)

1 Kommentar zu „Handelsgericht gegen Dokumentlieferdienst“

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