Artikel: Bibliotheken als Orte der Begegnung und des Lernens

Für das Magazin der Gewerblich-industriellen Berufsschule Bern GIBB intern (Ausgabe Juni 2016) mit dem Schwerpunkt „Zukünfte“ habe ich einen kleinen Beitrag zur Zukunft von Bibliotheken verfasst.

Bibliotheken als Orte der Begegnung und des Lernens

Bibliotheken werden nach wie vor eng mit dem Buch verbunden und ihr Schicksal von jenem des Mediums abhängig gemacht. Die Digitalisierung, die unsere Berufswelt erfasst hat, betrifft das Informationsmedium sehr direkt. Aber: «Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen» sagt ein Spruch, der mehreren prominenten Autoren zugeschrieben wird. Ich stelle ihn an den Anfang meiner Ausführungen, um diese als meine subjektive Meinung zu relativieren. Wir haben oft schon genug Schwierigkeiten, die aktuelle Situation zu verstehen, da sind Aussagen über die Zukunft der Bibliotheken in 10 Jahren entsprechend schwierig. Ich will es trotzdem wagen.

Das Schicksal des Buches

Ich gehe davon aus, dass die Entwicklung hin zu digitalen Medien und zu digitaler Distribution das Buch als Medium nicht ersetzen wird. Häufig wurden in der Vergangenheit Medien nicht komplett verdrängt und ersetzt, sondern durch neue Formen ergänzt. Das Buch ist ein zu praktisches und zu lange erprobtes Format, als dass es komplett durch elektronische Medien ersetzt werden könnte. Wobei dies natürlich vom Informationsbedarf sowie von den Vorlieben und Möglichkeiten der Nutzer abhängig ist, welche Form der Information sie zu welchem Moment bevorzugen. Bibliotheken können sich also darauf einstellen, dass sie noch für eine ganze Weile hybride Bestände anbieten und vermitteln werden. Gerade in wissenschaftlichen Bibliotheken wird die aktuelle Nutzung sich noch verstärkt auf elektronische Medien konzentrieren. Bei den Zeitschriften ist dies schon heute der Fall.

Aber lösen wir uns vom Buch. Bibliotheken haben heute weitergehende Funktionen als ein Ort zu sein, an dem Medien erworben, erschlossen und vermittelt werden. Der Anteil dieser traditionellen Tätigkeiten dürfte sich in den nächsten Jahren reduzieren. Medienerwerbung und Katalogisierung werden verstärkt in Kooperation erbracht oder komplett ausgelagert. Wissenschaftliche Bibliotheken werden sich verstärkt der Pflege und Erfassung spezialisierter Metadaten widmen, um diese dann als offene verlinkte Daten (Linked Open Data) frei zur Verfügung zu stellen. Dies erlaubt neue Formen der Informationssuche, die sich nicht mehr auf den eigenen Bestand fokussiert und unabhängig vom Medientyp sein wird. Metadatenmanagement wird diese neue Kernaufgabe genannt, welche die klassische Katalogisierung ablösen wird.

Spielerische und kreative Zugänge

Bibliotheken wurden lange Zeit als jene Institution definiert, die publizierte Information sammelt, katalogisiert, archiviert und vermittelt. Künftig wird die Vermittlung des Zugangs zu Information unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Format im Vordergrund stehen. Entscheidend ist für die Nutzer, dass diese Information von hoher Qualität und unmittelbar zugänglich ist. Die Unterstützung bei der Informationssuche und der Verarbeitung wird entsprechend weiter an Bedeutung gewinnen, sei es durch geeignete Systeme oder durch persönliche Beratung. Bibliothekarinnen und Bibliothekare müssen die Werkzeuge beherrschen und ihre Anwendung erklären können. Ihnen kommt die Aufgabe zu, auch weniger geübten Nutzern den Zugang zu hochwertiger Information zu vermitteln. Auf der Ebene der Öffentlichen Bibliotheken umfasst dies Beratungen und Einführungen für Kinder wie auch für ältere Personen, die nicht über die nötigen Kompetenzen verfügen. Das kann in neuen Formen, zum Beispiel über spielerische Ansätze (Gaming) oder durch kreative Workshops zu neuen Technologien und neuen Medienformen (Makerspaces) geschehen.

Grosse gesellschaftliche Bedeutung

Von grosser Bedeutung sind Bibliotheken als niederschwellige Anlaufstellen für alle. Bibliotheken haben dadurch eine gute Chance, als Treffpunkte, als Orte der Begegnung und des Lernens eine wichtige Rolle in Gemeinden und Quartieren zu spielen. Schon heute beschäftigen viele Bibliotheken Sozialpädagogen, Mediendidaktiker und Eventmanager. Hinzu kommen Vermittler zwischen IT und Benutzung, die man früher Systembibliothekare genannt hat. Bibliotheksmitarbeitende der Zukunft müssen sich in der Anwendung und auch der Konzeption und Konfiguration von IT-Systemen auskennen und die Nutzeranforderungen erheben und an die Entwickler vermitteln können.

Das zeigt, wie sich die Aufgaben und die Anforderungsprofile an die Mitarbeitenden verändern. Entsprechend gefordert sind die Ausbildungsgänge, die sich auf Kernaufgaben wie (Meta-) Datenmanagement, Informationsmanagement, Wissensmanagement und Informationsvermittlung konzentrieren dürften.

Autor: mrudolf

Professor for Library Science at HTW Chur (university of applied sciences), co-editor of Informationspraxis, co-principal investigator of the Horizon Report Library Edition, blogging on library topics - and also on mindful living (in German as Männerherz)

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