Digitale Lehrbücher: es bleibt viel zu tun…

Die Ankündigung von Amazon, mit dem Kindle Textbook Creator die Produktion von digitalen Lehrbüchern zu unterstützen (siehe den Beitrag bei engadget.com oder bei Buchreport.de), zeigt auf, wie weit entfernt die aktuell verfügbaren Tools und die Angebote vom Potential sind, das in diesem Bereich eigentlich steckt – und heute schon genutzt werden könnte.

Der Kindle Textbook Creator gibt Lehrkräften die Möglichkeit, PDF-Dokumente einzulesen und anzureichern, um sie dann auf Tablets verfügbar zu machen. Techcrunch schreibt dazu:

„Books built with Amazon’s new tool offer multi-color highlighting for students, as well as built-in notebooks, flashcards for review, dictionaries, and of course multi-platform support, in addition to translating the PDF version of their document into something that works on any reader.“

Das Konzept unterscheidet sich von Apples iBooks Author-Ansatz. Ich fasse kurz zusammen: Amazon bietet ein Tool an, mit dem man PDF-Dokumente von einem Standard zu einem proprietären Format umwandeln kann, das ein bisschen mehr Funktionen bietet als ein PDF mit einer guten App (wie z.B. GoodReader). Wohingegen Apple ein ausgefahrenes Tool bereitstellt, mit dessen Hilfe echt interaktive, multimediale E-Books geschaffen – aber in einem proprietären Format, das nur auf der Apple-Plattform genutzt werden können. Letzteres ist schon länger ein Ärgernis, vor allem weil es immer noch kein vergleichbares Tool gibt, das einen beim Kreieren von offenen interaktiven, multimedialen Lehrbüchern unterstützt. Amazons Initiative scheint ebenfalls den falschen Weg der proprietären Formate zu gehen und bietet zudem nur einen Hauch der heute möglichen Funktionalitäten.

Meine Beurteilung: beide Konzepte sind nicht zukunftstauglich.

Ich möchte hier kurz skizzieren, wie meiner Ansicht nach ein modernes digitales Lehrbuch konzipiert sein muss und schliesse hier an eine frühere Forderung nach dem „idealen E-Book“ an, die ich seinerzeit mit meinem Kollegen Bruno Wenk aufgestellt habe. Und die wir seither konzeptionell in vielen Diskussionen noch verfeinert haben.

Also: Ausgangspunkt für ein digitales Lehrbuch ist weder ein gedrucktes Buch noch ein PDF-Dokument, das diesem ja weitgehend entspricht. Grundlage ist auch kein proprietäres Format (also kein iBook und kein Kindle-Format). Wir sind überzeugt, dass ein digitales Lehrbuch auf offenen Standards und auf Webtechnologien basieren muss. Egal, wie das Lehrbuch schliesslich genutzt wird, bieten offene Webstandards alle Voraussetzungen. Studierende können das Lehrbuch dann wahlweise mit dem Browser ihres PCs oder Laptops oder auf dem Tablet oder Smartphone nutzen. Zudem lassen sich die Webinhalte zu einem E-Book im Format EPUB 3 verpacken, das dann wirklich Interaktion und Multimedialität erlaubt, genauso wie es im SCORM-Format als digitale Lerneinheit bereitgestellt werden kann. Ein derartiges E-Book unterstützt entsprechend auch Bring-Your-Own-Device-Strategien, da es echt plattformunabhängig genutzt werden kann. Und ganz nebenbei bietet der Standard EPUB 3 auch tatsächlich barrierefreien Zugang zu den Inhalten.

Das Problem dieses offenen Konzepts besteht darin, dass noch kein Anbieter ein attraktives Geschäftsmodell gefunden hat. Multimedialität und Interaktion findet man ja schon gut – aber wie kann man mit den offenen Formaten Geld verdienen? Die Lösung findet man dann (vermeintlich) in proprietären Formaten und mit nutzerunfreundlichen DRM-Systemen. Wenn wir nun aber die Lehrenden an ihren Hochschulen betrachten, sieht die Sache etwas anders aus: Hier geht es vor allem darum, dass diese bei der Produktion unterstützt werden. Geld verdienen die wenigsten mit ihren Skripts oder Lehrbüchern. Entsprechend wären hier offene Standards und Formate sehr willkommen. Was uns zudem wichtig erscheint, ist der Aspekt, dass die digitalen Lehrbücher eigenen didaktischen Konzepten folgen müssen. Dabei kann auf die vielfältigen Erfahrungen mit E-Learning-Kursen zurückgegriffen werden. Ein guter E-Learning-Kurs bildet auch nicht einfach ein Skript ab, sondern nutzt die Möglichkeiten des Web sinnvoll aus. Für ein digitales Lehrbuch wie es hier skizziert wurde, sind z.B. Grundsätze aus der Webpublikation adaptierbar: gefordert sind kurze Einheiten (html- oder xhtml-Seiten), die didaktisch sinnvoll mit multimedialen und interaktiven Elementen angereichert werden. Deren Produktion wiederum benötigt neue Skills, über die Lehrende nicht einfach so verfügen. Einführungen, Ausbildung und neue Dienstleistungen durch Spezialistinnen oder Spezialisten dürften hier in Zukunft benötigt werden – und könnten Aufgabe von Bibliotheken sein, falls sie sich auf dieses neue Feld des E-Publishing einlassen.

Bei der Unterstützung durch Tools besteht allerdings noch Handlungsbedarf: noch gibt es nur wenige einfach zu bedienende Tools, welche die Produktion von digitalen Lehrbüchern im EPUB 3 unterstützen. Simple E-Books im Standard EPUB 2 (also nicht multimedial und nicht interaktiv) können problemlos mit Tools wie SIGIL oder auch mit Diensten wie Pressbooks hergestellt werden. Eine Herausforderung stellen aber besonders die interaktiven Element dar, die in EPUB 3 entweder mit SGV-Grafiken oder in Javascript programmiert werden müssen. Zurzeit testet mein Kollege Bruno Wenk mit ermutigenden Ergebnissen die Plattform the People’s E-book.

Unsere Vision besteht darin, dass wir interessierten Lehrenden und Hochschulen praxistaugliche freie Tools, Anleitungen zum Erstellen interaktiver und multimedialer E-Books sowie eine Plattform für den Austausch von einzelnen Modulen oder Widgets anbieten können. So wäre es möglich, z.B. ein unter einer CC-Lizenz programmiertes Quiz oder einen Multiple-Choice-Test zu übernehmen und mit eigenen Inhalten leicht anzupassen.

Autor: mrudolf

Professor for Library Science at HTW Chur (university of applied sciences), co-editor of Informationspraxis, co-principal investigator of the Horizon Report Library Edition, blogging on library topics - and also on mindful living (in German as Männerherz)

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