Trend und Lösungsansatz: Achtsamkeit

IMG_7117

Now for something completely different: Achtsamkeit, bzw. Mindfulness, wird als ein gesellschaftlicher Trend genannt. Was bedeutet das, und weshalb soll das für die Berufswelt und für Bibliotheken relevant sein? Für mich privat ist Achtsamkeit und bewusstes Leben schon länger ein Thema. Nun tritt es auch im beruflichen Umfeld mehr und mehr in den Vordergrund. Wenn ich sonst in meinem beruflichen Blog über eher technologische Trends aus dem Umfeld von Bibliotheken berichte und kommentiere, gibt es nun also einen Beitrag zum gesellschaftlichen Trend der Achtsamkeit.

Wenn ich auf ein Thema gleichzeitig von verschiedenen Seiten aufmerksam gemacht werde, wenn etwas mehrfach von unterschiedlichen Quellen thematisiert wird, dann nehme ich das als etwas Bemerkenswertes und Bedeutsames wahr. So auch jetzt: zunächst habe ich ein Interview mit dem Trendforscher Matthias Horx gelesen, auf das ich via Facebook-Link von einem Arbeitskollegen aufmerksam gemacht wurde. Darin beschreibt Horx Achtsamkeit als einen Trend (mehr dazu im Blog Männerherz). Dann machte mich eine ehemalige Studentin auf das Buch des Google-Ingenieurs Chade-Meng Tan „Search Inside Yourself“ aufmerksam. Meng hat bei Google zusammen mit führenden LehrerInnen und WissenschaftlerInnen ein Training zur Achtsamkeit aufgebaut und erfolgreich umgesetzt. Herzlichen Dank für diese Hinweise!IMG_7117Achtsamkeit bedeutet auch, das Schöne dort zu sehen, wo es nicht offensichtlich ist…

Meng beschreibt alte Weisheiten in einer zeitgemässen Sprache und aus der Perspektive eines kritischen Ingenieurs. Da gibt es viele wissenschaftliche Forschungsergebnisse als Beleg für die Wirksamkeit von Meditation und Achtsamkeit. Mich hat das ermuntert und ermutigt, „endlich“ die Verbindung dieser Dimension mit meinem Berufsalltag als Dozent, Referent und Berater herzustellen. Deshalb erscheint dieser Beitrag in meinem beruflichen Blog und auf Männerherz gleichzeitig.

Weshalb ist Achtsamkeit denn so wichtig für unser Berufsleben? Zum einen ist klar, dass wir nicht nur im privaten Bereich sondern auch bei der Arbeit herausgefordert werden. Situationen im Arbeitsumfeld können uns belasten und sogar krank machen. Wir sind mehr oder weniger gestresst, überfordert, verärgert, frustriert oder gar ausgebrannt – und Privates sowie Berufliches sind nicht zu trennen. Ärger zu Hause macht uns im Beruf empfindlich und umgekehrt. Schliesslich sind wir auch bei der Arbeit Menschen – mit all unseren Stärken und Schwächen.

Wäre es nicht schön, wir könnten ruhig mit diesem Druck und den Emotionen umgehen? Wäre es nicht schön, wenn wir unser Leistungspotential steigern könnten? Wäre es nicht schön, wir könnten in einer friedlichen und konstruktiven Umgebung arbeiten?

Dann kommt das Thema Zerstreuung und Ablenkung hinzu. Wir haben Mühe, uns auf unsere wichtigen Aufgaben zu konzentrieren. Die neuen Technologien machen das nicht gerade einfacher. Wir meinen Multitasking sei unumgänglich und sind schliesslich nirgends vollständig. Mit einem Gedanken sind wir schon bei der nächsten Message, die als SMS oder Whatsapp eingeht, bei der E-Mail, die gerade aufgepoppt ist, bei den News, die gerade auf der Smartwatch oder dem Smartphone angezeigt werden. Und natürlich beim Checken der Neuigkeiten in den sozialen Medien. Dazwischen versuchen wir produktiv zu sein, zu lernen, zu schreiben, zu planen, Ideen zu entwickeln und vieles mehr. Am Ende des Tages bleibt das Gefühl, das Wichtige nicht erledigt zu haben, seine Zeit mit tausend Dingen vertrödelt zu haben.

Wäre es nicht schön, wir könnten uns voll auf das Wichtige konzentrieren und zwischendurch richtig abschalten und neue Energie tanken?

Meditation und Achtsamkeit sind die Lösung dafür.

Meng beschreibt mehrfach die Leistungssteigerung, die mit Hilfe dieser Techniken und der entsprechenden Einstellung erreicht werden kann. Was schliesslich der Grund dafür ist, dass Firmen wie Google diese Methoden fördern. Für uns als Individuum ist dies jedoch nur eine angenehme Nebenwirkung. Entscheidend sind die innere Ruhe, die positive Grundhaltung und der Glückszustand, die wir erlangen können. Noch etwas scheint mir im Kontext Berufsleben relevant: durch die regelmässige Praxis von Meditation und Achtsamkeit überwinden wir Ängste und gewinnen an Selbstvertrauen. Dies macht uns offen für Veränderungen. Wir können Neues akzeptieren oder gar begrüssen, weil wir uns auf neue Erfahrungen freuen. Weil wir achtsam beobachten, was das Neue in uns bewirkt. Weil wir Altes loslassen können. Wir sind bereit die Notwendigkeit radikaler Veränderungen anzunehmen („embracing the need for radical change“), wie es im Horizon Report Library Edition als eine der Herausforderungen für Bibliotheken (und deren Mitarbeitende) heisst.

Ich will und kann hier nicht eine Anleitung liefern, das macht Meng in seinem Buch, das es auch auf deutsch gibt, ausgezeichnet. Hier möchte ich nur grob den Mechanismus erläutern. Es beginnt alles bei uns und in uns – deshalb der Buchtitel Search Inside Yourself, der gleichzeitig noch augenzwinkernd Bezug zum Kerngeschäft von Google nimmt. In der Meditation tauchen wir in unser Bewusstsein ein und wir werden ruhig. Wir erreichen dies, indem wir uns auf unseren Atem konzentrieren. Meng meint, täglich ein bewusster Atemzug genüge eigentlich schon. Wir fühlen uns selbst von innen, werden achtsam. Die Achtsamkeit gegenüber uns können wir auf unser Gegenüber ausdehnen. Dies geschieht, indem wir achtsam zuhören ohne zu urteilen. Indem wir unser Gegenüber ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit nehmen und ihm Zeit und Raum schenken.

Achtsamkeit kann natürlich auch bei allen anderen Aktivitäten angewandt werden. Das bedeutet, dass man sich vollständig auf das konzentriert, was man tut. Beim Essen widmet man sich der Speise mit allen Sinnen: wir schmecken, riechen, schauen – und wir essen bedächtig. Wir können achtsam gehen und fühlen dabei jeden Schritt, beachten die Erde, auf der wir gehen. Dies ist gerade bei alltäglichen Aktivitäten eine wunderbare Übung. Wer sich vertieft damit auseinandersetzen möchte, findet bei Thich Nhat Hanh anschauliche Beispiele und Grundlagen, z.B. in seinem Buch „Achtsam sprechen – achtsam zuhören: Die Kunst der bewussten Kommunikation“) .

Dies verändert nicht nur uns, sondern auch unsere Umwelt und unsere Beziehungen. Dies gilt sowohl für unser privates wie auch für unser berufliches Umfeld. Hast du deinen bewussten Atemzug heute schon getan?

Autor: mrudolf

Professor for Library Science at HTW Chur (university of applied sciences), co-editor of Informationspraxis, co-principal investigator of the Horizon Report Library Edition, blogging on library topics - and also on mindful living (in German as Männerherz)

2 Kommentare zu „Trend und Lösungsansatz: Achtsamkeit“

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s