Bibliotheksbranche im Umbruch und in Aufruhr

Für die aktuelle Debatte um Bibliotheken und Internet habe ich eine Stellungnahme in knapp 4000 Zeichen für die NZZ verfasst. Auch dies ist also nur eine oberflächliche Zusammenfassung. Noch dies zur Einordnung der für Schweizer Verhältnisse doch heftigen Reaktion auf die Äusserungen von Rafael Ball in der NZZ am Sonntag: die Kombination von ETH und NZZ birgt einige Sprengkraft: beide Institutionen stehen für seriöse Information und haben einen guten Ruf. Und ein Direktor der ETH-Bibliothek muss es doch wissen, oder? Wenn diese angebliche Fachperson dann in einer breiten Öffentlichkeit ein überholtes Bild vermittelt (Bibliotheken als Bücherspeicher), dann  läuten die Alarmglocken: was, wenn diese Argumente in Budgetdebatten auf den Tisch kommen? Hier also der kurze Text:

Das Interview mit Rafael Ball in der NZZ am Sonntag vom 7. Februar mit dem Titel „Weg mit den Bibliotheken“ hat in der Bibliothekswelt heftige Reaktionen ausgelöst. Wer jetzt denkt, die ewig Gestrigen würden sich gegen unliebsame Äusserungen eines Vordenkers wehren, täuscht sich. Die Branche reagiert empört, weil die Aussagen auf einem überholten Stand beruhen und weil sie alte Vorurteile bedienen, gegen die sich Bibliotheken seit einiger Zeit wehren. Zudem fürchtet man, dass die plumpe Formulierung “Jetzt ist das Internet da. Wer Inhalte sucht, braucht keine Bibliothek mehr” von unter Spardruck stehenden Politikern gerne aufgenommen wird. Dabei hat doch erst kürzlich Manfred Schneider in der NZZ eine solche Argumentation als Schildbürgerei bezeichnet.

Auf die Palme gebracht hat die Bibliotheksfachleute, dass Rafael Ball so tut, also ob sich Bibliotheken heute tatsächlich noch als Bücherspeicher definierten, denen ein Vordenker den Weg weisen müsste. Wir müssen nicht bis nach Aarhus schweifen, um unzählige Gegenbeweise zu finden. In der Schweiz können wir keinen solch spektakulären Bau vorweisen, doch werden auch hier neue, zukunftsträchtige Konzepte ausprobiert und umgesetzt. Wo beginnen? Im Moment wird gerade die Kooperative Speicherbibliothek in Büron (LU) bezogen. Hierhin lagern mehrere Kantonsbibliotheken Teile ihrer Buch- und Zeitschriftenbestände aus, um in den Zentren Platz für neue Angebote zu schaffen. Die Universitätsbibliothek Bern wird nach dem Umbau in der Bibliothek Münstergasse keine Bestände mehr anbieten, sondern moderne, nutzerfreundliche Dienstleistungen. Ähnliches ist in Luzern geplant, wenn dann der jahrzehntelang ersehnte Umbau der ZHB endlich erfolgt ist. Auf einer ganz anderen Ebene setzt das Projekt Swiss Library Service Platform auf, in dem momentan abgeklärt wird, ob und wie in Zukunft die Wissenschaftlichen Bibliotheken der Schweiz gemeinsame Services in einer komplett neuen Struktur anbieten können. Ein Projekt – übrigens unter der Federführung der ETH-Bibliothek – das weitreichende Folgen für die Arbeitsweise der Bibliotheken haben dürfte, falls es realisiert wird. Traditionelle Aufgaben rund um die Medienbearbeitung würden zentralisiert und stark in den Hintergrund treten. Dafür können in den einzelnen Bibliotheken verstärkt zielgruppengerechte Dienstleistungen vor Ort erbracht werden.

Besonders missverstanden fühlen sich die Öffentlichen Bibliotheken, die sich schon seit einiger Zeit in Richtung Begegnungs- und Kommunikationszentren entwickeln. Die Stadtbibliothek Winterthur bietet unter anderem verschiedene auf die Bedürfnisse von bestimmten Zielgruppen (Kids, Teens, U21) eingerichtete Bereiche und eine Integrationsbibliothek mit einem interkulturellen Gesprächstreff an. Viele Bibliotheken – vor allem in Deutschland, aber auch in Thun – haben auf den Flüchtlingsstrom reagiert und bieten kostenlose Bibliotheksausweise, Beratung, Medien in vielen Sprachen und kostenlosen Internetzugang an. Öffentliche Bibliotheken unterstützen die Bevölkerung beim Umgang mit neuen Medien und neuen Technologien. Mittlerweile verfügen sehr viele über ein Angebot an E-Books, dessen Nutzung stark zunimmt. In sogenannten Makerspaces kann man neue Technologien spielerisch kennen lernen. Die HTW Chur als Ausbildungsstätte für Informationsfachleute wiederum versucht die für diese neuen Aufgaben benötigten Kompetenzen zu vermitteln und hat dafür den Studiengang Informationswissenschaft reformiert.

Bibliotheken werden also auch in absehbarer Zukunft nicht überflüssig. Wobei man sich darauf einstellen muss, dass kein Ende der Veränderungen absehbar ist. Und dies ist die spezielle Herausforderung für eine vormals eher auf Tradition und Bewahrung ausgerichtete Branche: diese Veränderungen bereitwillig anzunehmen und aktiv voranzutreiben. Daran arbeiten wir!

Autor: mrudolf

Professor for Library Science at HTW Chur (university of applied sciences), co-editor of Informationspraxis, co-principal investigator of the Horizon Report Library Edition, blogging on library topics - and also on mindful living (in German as Männerherz)

6 Kommentare zu „Bibliotheksbranche im Umbruch und in Aufruhr“

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