Kann ZB MED gerettet werden? #keepzbmed

Update: Michael Klems von Infobroker hat ein Interview zu #keepZBMED mit mir geführt und als Podcast veröffentlicht.

Nach dem ersten Schock über den Beschluss des Senats der Leibniz-Gemeinschaft, der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) zu empfehlen, ZB MED nicht mehr zu unterstützen, regt sich beträchtlicher Widerstand. Offizielle Gremien haben sich bereits mit Stellungnahmen geäussert, andere bereiten solche vor. Noch ist unklar, wie die Rettung gelingen kann und wer schliesslich für eine weitere finanzielle Förderung zuständig sein wird. Die von mir lancierte offene Petition erfährt regen Zuspruch – innerhalb der ersten drei Tage haben sie bereits über 1400 Personen mit unterschiedlichstem Hintergrund und aus zahlreichen Ländern unterzeichnet. Es sind BerufspraktikerInnen, Ärztinnen und Ärzte, Forschende, Studierende, BibliothekarInnen und Privatpersonen, die die Dienstleistungen von ZB MED für ihre Arbeit oder ihr Studium dringend benötigen. Es lohnt sich, die zahllosen Kommentare in der Petition zu lesen! Als Beispiel hier der Kommentar von Gerhard Hacker:

Der Senat der WGL hat hinsichtlich der ZB MED die positive Entwicklung dieser für die überregionale Informationsversorgung so wichtigen Infrastruktureinrichtung seit der letzten Evaluierung 2012 offenkundig nicht hinreichend zur Kenntnis genommen. Dies ist um so fataler, als die aktuelle Abwicklungsentscheidung nicht nur die Einschätzung der Fachgutachter zu großen Teilen konterkariert, sondern zugleich die künftige Versorgung der relevanten Disziplinen in Medizin und Lebenswissenschaften mit relevanter Fachinformation eklatant gefährdet, zumindest aber nachhaltig verschlechtern wird, wenn eine nationale Finanzierung nicht mehr existiert. Die künftigen Aufgaben werden mit einer Abwicklung von ZB MED nicht verschwinden. Wie sie bewältigt werden sollen, scheint dem Senat der WGL zweitrangig. Die Bund-Länder-finanzierte WGL ist angesichts der föderalen Struktur der Bundesrepublik die angemessene Umgebung für zentrale Informationsdienstleistungen für Wissenschaft und Forschung. Die Abgabe dieser Verantwortung kann nicht durch tatsächliche oder vermeintliche Defizite in der bisherigen Entwicklung von ZB MED gerechtfertigt werden. Die Senatsentscheidung bedarf daher dringend einer grundlegenden Revision und Korrektur durch die für die WGL politisch Verantwortlichen.

Zum zeitlichen Ablauf ist zu sagen, dass die GWK am 24. Mai tagen wird. Mit unserer Petition und den Stellungnahmen von Organisationen wird das Land NRW bei seinen Bemühungen um eine Weiterführung von ZB MED unterstützt. Der Fokus liegt momentan darin, die Stiftung ZB MED zu erhalten. Diese wurde ja erst Ende 2013 vom Land NRW mit einem Stiftungsgesetz gegründet – auf ausdrückliche Aufforderung der Leibniz-Gemeinschaft notabene. Interessant hierbei der im Gesetz formulierte Stiftungszweck:

§ 2
Stiftungszweck

(1) Zweck der Stiftung ist die überregionale Informations- und Literaturversorgung in den Fachgebieten Medizin, Gesundheitswesen, Ernährungs-, Umwelt- und Agrarwissenschaften sowie deren Grundlagenwissenschaften und Randgebieten zur Abdeckung des Bedarfs in Forschung, Lehre und Praxis. Die Stiftung hat hierbei insbesondere die Aufgabe der zielgruppenspezifischen Beschaffung, Erschließung, Archivierung und Bereitstellung von in- und ausländischer Literatur sowie von sonstigen analogen und digitalen Informationsmedien. Die Stiftung hat ferner die Aufgabe, Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Bereich der Informationswissenschaften gerade auch zur Weiterentwicklung der Informations- und Literaturversorgung durch die Stiftung durchzuführen.

(2) Zur Erfüllung ihres Stiftungszwecks kooperiert die Stiftung mit der Universität Köln sowie der Universität Bonn. Sie arbeitet auch mit anderen Institutionen der wissenschaftlichen Forschung und Informationsvermittlung in ihren Fachgebieten zusammen.

Exakt auf diesen Stiftungszweck hin hat sich ZB MED in den letzten Jahren konsequent ausgerichtet: Umstrukturierung (inkl. Stiftungsgründung und Positionierung als Informationszentrum für Life Sciences), neue Gesamtstrategie, neue Dienstleistungen, neue Schwerpunkte. Sie hat Livivo als Suchinstrument entwickelt, Publisso als viel beachtete Publikationsplattform lanciert, sich weiter für Open Access eingesetzt, plant die Weiterentwicklung der Zeitschriftenplattform GMS in Richtung einer offenen Alternative (wofür sich schon andere LIS-Zeitschriften interessieren) und und und.

Die Besetzung des neu geschaffenen Lehrstuhls an der Universität Köln wäre übrigens auf der Zielgeraden: man hätte dieser Tage mit der Nr. 1 auf der Liste der KandidatInnen die Verhandlungen aufgenommen. Dies wurde jetzt aufgrund des negativen Entscheids der Leibniz-Gemeinschaft gestoppt.

Ich bin als Optimist überzeugt, dass die Rettung von ZB MED gelingt, wenn sich möglichst viele Menschen und Organisationen gegen die geplante Schliessung von ZB MED als überregionale Forschungsinfrastruktureinrichtung wehren. Garantien gibt es allerdings keine. Danke auch im Namen der Mitarbeitenden von ZB MED für eure Unterstützung!

 

Abwicklung der ZBMED beschlossen (update)

Update 3 vom 21.3.: Es gibt nun eine Online-Petition, die alle unterschreiben können! Setzt ein Zeichen!

Update vom 21.3.: Nach den ersten zustimmenden Äusserungen werde ich gemeinsam mit zmindest einigen Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirats von ZB MED eine Eingabe an die GWK formulieren und einreichen. Parallel scheint es mir auch sinnvoll, eine offene Petition von NutzerInnen und Freunden von ZB MED vorzubereiten. Eventuell gibt es auch Support aus der Medizinischen Forschung, was natürlich am wichtigsten wäre. Ich habe ein Pad eröffnet, in dem ich den Entwurf für eine Petition zur Bearbeitung frei gegeben habe. Anschliessend würde ich dann eine Open Petition anlegen, die ihr alle unterzeichnen könnt. Wer macht mit?

https://pad.okfn.org/p/keepzbmed 

Ergänzung vom 19.3.: auf der Website der Leibniz-Gemeinschaft heisst es: „Diese Senatsstellungnahme dient der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) zur Überprüfung der Fördervoraussetzungen“. Meine vielleicht etwas naive Frage: kann man diese GWK noch umstimmen? Formal scheint das möglich. Dann schlage ich vor, dass wir gemeinsam die Stimme erheben und gegen den unsinnigen Entscheid protestieren. Ich bin schon mal sicher, dass der Vertreter von NRW auch gegen die Empfehlung ist. Immerhin hat man eigens ein Gesetz verabschiedet, um die Stiftungsgründung von ZB MED zu ermöglichen. Wie schätzt ihr das ein? 

Am 17.3. hat mich die Mitteilung erreicht, dass der Senat der Leibniz-Gemeinschaft die Empfehlung an Bund und Länder ausgesprochen habe, die Förderung von ZB MED zu beenden. Laut Aussage des Direktors Ulrich Korwitz beduetet dies, dass ZB MED bis spätestens in 31/2  Jahren „abgewickelt“ wird. Die offizielle Stellungnahme seitens ZB MED wurde am 18.3. auf ihrer Webseite veröffentlicht.

Ich war in verschiedenen Funktionen in die Arbeiten nach der Evaluierung 2012 involviert. Als Mitglied eines Expertengremiums begleitete ich den umfassenden Neuorganisations- und Strategieentwicklungsprozess. Und wie die Evaluatoren von 2015 war und bin ich beeindruckt von den erreichten Veränderungen. Eine Vorgabe des Senats konnte aber klar nicht erfüllt werden: die Ausrichtung auf Forschung, die Entwicklung einer Forschungsstrategie, die enge Zusammenarbeit mit Forschenden sowie die Mitwirkung bei studentischen wissenschaftlichen Arbeiten. ZB MED hat sich weiterhin als Bibliothek verstanden, die sich als überregionale Forschungsinfrastruktureinrichtung zu positionieren begann.

Ein Kollege aus der Schweiz meinte, dass ZB MED die Entwicklung verschlafen habe und er den Entscheid des Senats nachvollziehen könne. (Anmerkung, update: Der Kollege hat in diesem Sinn das Ergebnis der Evaluierung verstanden und wiedergegeben)

Ich sehe das etwas anders: die Vorgaben waren in der kurzen Zeit nicht zu erfüllen, und die Ausrichtung auf Forschung ist eigentlich Unsinn. Die fehlende Forschungsstrategie war denn auch das Hauptargument. Die Experten haben dringenden Nachholbedarf gesehen, haben aber die Weiterführung unterstützt. Mit diesen Argumenten könnte man wohl fast alle überregional ausgerichteten Bibliotheken abwickeln.

Es war unbestritten, dass Änderungen nötig sind, und sie wurden angegangen. Aber aus einem Traktor (mir fällt gerade kein passenderes Bild ein) macht man nicht so schnell ein Rennauto. Das hätte man dem neuen Direktor ins Pflichtenheft schreiben können, wie es die Evaluatoren gefordert haben. Was man seit der letzten Evaluation an Ressourcen aus heuiger Sicht sinnlos verbraten hat (nicht nur intern sondern auch in NRW bei der Stiftungsgründung inkl. neuem Gesetz und an der Uni bei der Ausschreibung und Beinahe-Besetzung der Professur) geht auf keine Kuhhaut. Und ich unterstelle, das die Meinungen schon lange gemacht waren. Das hätte man auch vor vier Jahren schon sagen können.

Ich sehe auch die Rolle der Expertengruppe sehr kritisch, welche die Evaluierung vorgenommen hat. Ihre Empfehlung wurde sehr einseitig zu Lasten von ZB MED ausgelegt. Ihre Aussagen dienen nun praktisch als Rechtfertigung für den Entscheid des Senats, was ich an ihrer Stelle höchst peinlich finden würde. Diesen Schuh würde ich mir als Mitglied einer Fachcommunity also nicht anziehen wollen.

Als Beirat von ZBMED bin ich empört! Und als Mitwirkender in Projekten von ZB MED versichere ich allen Mitarbeitenden mein Mitgefühl. Wenn ich etwas für euch tun kann, lasst es mich wissen!

Am 17.03.2016 um 23:13 schrieb Korwitz, Ulrich:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es fällt mir sehr schwer, Ihnen das Folgende mitzuteilen, aber es muss sein:

Der Senat der Leibniz-Gemeinschaft hat soeben beschlossen, Bund und Ländern zu empfehlen, ZB MED ab 2017 nicht mehr gemeinsam zu fördern. ZB MED als von Bund und Ländern geförderte Einrichtung wird damit in spätestens 3 ½ Jahren abgewickelt werden.

Morgen ist die Pressemitteilung der Leibniz-Gemeinschaft verfügbar, in der Details stehen.

Die Entscheidung trifft alle 119 Kolleginnen und Kollegen in ZB MED schwer. Wir werden die Situation zusammen mit dem Ministerium in Ruhe analysieren und mögliche Konsequenzen betrachten. Der Abwicklungsprozess streckt sich bis mindestens Ende 2018, wahrscheinlich sogar bis Ende 2019 hin. Es wird Alternativen zum jetzigen Status geben.

Mit bestem Gruß

Korwitz

Forschungsvorhaben Bibliotheken und digitaler Wandel (Fortsetzung)

Vor ein paar Wochen habe ich die Idee zu einem Forschungsvorhaben zum Thema Bibliotheken und digitaler Wandel hier im Blog publiziert. Was ist seither passiert, und wo stehen wir bei diesem Projektvorhaben?

Im Pad haben sich einige an der Formulierung von Fragen und Themen beteiligt, herzlichen Dank dafür! Es lohnt sich bestimmt, sich die Einträge im Pad zu lesen! Ich entnehme dieser Diskussion folgendes:

  • besonders gross ist das Interesse im Kontext der Entwicklung Öffentlicher Bibliotheken.
  • einige Fragen beziehen sich eher auf die Zukunft – das möchte ich aber bewusst nicht in die Fragestellung aufnehmen. Es soll um eine Analyse des IST-Zustands gehen, damit wir von gesichertem Wissen ausgehen können. Das ist das eigentliche Ziel des Vorhabens.
  • die Fokussierung auf digitalen Wandel greift zu kurz:  es geht um den Wandel insgesamt und darum zu zeigen, ob und wenn ja, wie sich die Bibliothekswelt in den letzten Jahren verändert hat. Es wird wichtig sein, diesen offenen und kritischen Blick zu wahren. Man kann natürlich Thesen und Hypothesen im Vorfeld formulieren, aber wir müssen offen sein für neue Erkenntnisse, auch wenn sie eventuell nicht unserem Interesse entsprechen. Wir haben gerade bei unserer Analyse der St. Galler Schulbibliotheken gesehen, wie wichtig dieses offene und unvoreingenommene Herangehen ist.
  • es lassen sich verschiedene Methoden kombinieren.
  • es gibt bestimmt Vorarbeiten, einzelne Studien und Berichte, die ausgewertet werden können, bzw. müssen.

Verschiedene Personen und Organisationen haben ihr Interesse an einer solchen Studie angemeldet: die Verbände DBV und BIS als mögliche Auftraggeber und Forschende aus Fachhochschulen als mögliche Forschungspartner.

Nächste Schritte:

Sammlung von Berichten und Analysen zum Thema

Ich habe dafür eine Zotero-Gruppe eingerichtet, in der Beiträge zum Thema Wandel in Bibliotheken gesammelt werden sollen. Es sind alle eingeladen, sich daran zu beteiligen. Just do it!

Publikation von Erfahrungsberichten

Ich möchte PraktikerInnen einladen, über die Erfahrungen in ihren Bibliotheken zu berichten und diese in der Informationspraxis zu veröffentlichen. Gefragt sind Beiträge zu neuen Strategien, zu Aktivitäten, neuen Dienstleistungen usw. Wir haben in der Informationspraxis verschiedene Rubriken, die sich gerade auch für Berichte aus der Praxis eignen. Natürlich sind auch Fachartikel willkommen.

Skizze des Forschungsvorhabens

Die im Pad erfassten Forschungsfragen sind noch nicht wirklich operationalisierbar. Ich werde mit interessierten Forschungspartnern diese Fragen konkretisieren und ein mögliches Vorgehen skizzieren. Mit dieser Projektskizze werden wir an die Verbände gelangen, um Möglichkeiten der Finanzierung zu klären. Auch hier ist Kreativität gefragt…

Das Thema bietet sich geradezu an, um die engagierte Community miteinzubeziehen. Mir schwebt ein Crowdsourcing-Ansatz vor, mit dem wir viele freiwillige ForscherInnen einbeziehen, die sich an der Forschungsarbeit beteiligen. Denkbar wäre, dass wir einen Leitfaden für Case Studies entwicklen, die dann vor Ort durch Freiwillige ausgeführt werden.

Mitmachen!

Wer sich in irgendeiner Form am Projekt beteiligen möchte, kann sich bei mir melden. Denkbar ist die aktive Mitarbeit bei der Literaturanalyse, bei der Formulierung der Projektskizze, bei der Publikation von Erfahrungsberichten und dann natürlich bei der Datenerhebung.

Ich sichere zu, dass jeder Beitrag entsprechend gewürdigt und in allfälligen Publikationen erwähnt werden wird.

 

Wie funktioniert Innovation in Bibliotheken?

Das Projekt Innovationsmonitor für Wissenschaftliche Bibliotheken ist noch nicht ganz fertig, aber erste Ergebnisse liegen vor. Diese werde ich auf dem Deutschen Bibliothekskongress in Leipzig in einem Vortrag am frühen Montagmorgen präsentieren. Und zusätzlich haben wir für das b.i.t.online einen Bericht verfasst, der dann allerdings in der aktuellen Ausgabe nicht berücksichtigt wurde und erst im Heft 2 gedruckt erscheinen wird. Dafür wurde der Beitrag freundlicherweise bereits online veröffentlicht: http://www.b-i-t-online.de/heft/2016-02-nachrichtenbeitrag-mumenthaler.pdf 

Rudolf Mumenthaler, Ekaterina Vardanyan und Marco Balocco: Wie funktioniert Innovation in Bibliotheken? Bericht über das Schweizer Forschungsprojekt Innovationsmonitor für Wissenschaftliche Bibliotheken. In: b.i.t.online 19 (2016) No.2. Weiterlesen „Wie funktioniert Innovation in Bibliotheken?“