Bibliotheken und digitaler Wandel – einige Fakten

Bibliotheken und digitaler Wandel (Teil 1) – einige Fakten

Die aktuelle Debatte zeigt, dass wir als Bibliothekscommunity und als Bibliothekswissenschaft schlecht aufgestellt sind. Wir haben Mühe, gegen offensichtlich falsche Äusserungen und plumpe Vorurteile zum aktuellen Stand des digitalen Wandels in Bibliotheken fundiert und sachlich zu argumentieren. Meine Aussagen sind bestimmt näher an der Wirklichkeit (finde ich…), aber eine wissenschaftlich überzeugende Argumentation sieht doch anders aus. Eigentlich müsste ich doch Fakten abrufen können, Studien zitieren können, die unmissverständlich solch absurde Behauptungen widerlegen würden. Aber ich kann nur einige Beispiele zitieren, die ein deutlich anderes Bild zeichnen. Die belegen, dass sich die Bibliothekslandschaft in Bewegung befindet, die zeigen, dass die Community die Probleme erkannt und die Herausforderungen angenommen haben.

Ich werde zunächst einige Zahlen präsentieren und danach eine erste Skizze für ein grösseres Forschungsvorhaben liefern. Zur besseren Lesbarkeit lege ich für letzteres einen zweiten Beitrag im Blog an.

Hier ein kleines Bilderrätsel: Raten Sie mal, was in folgender Grafik dargestellt wird! Die Auflösung folgt unten… Ein offenbar boomendes Geschäft, nicht wahr?

Rätsel

Abb. 1: Frage: Was wird in dieser Grafik dargestellt?

Was uns fehlt, sind verfügbare zuverlässige Zahlen über die Entwicklungen der letzten Jahre. Wobei uns die Bibliotheksstatistiken hier durchaus relevante Daten liefern können – aber richtig aufbereitete Information sieht doch etwas anders aus, oder? Bei der Schweizer Bibliotheksstatistik stehen wir zum Beispiel vor dem Problem, dass nur 11 von 26 Kantonen mitmachen und entsprechend keine verbindlichen Aussagen zu den Öffentlichen Bibliotheken möglich sind (die Universitätsbibliotheken sind hingegen flächendeckend dabei). Auf Anfrage von Herbert Staub, Präsident des BIS, hat beim Bundesamt für Statistik um eine bereinigte Auswertung der Bibliotheksstatistik für die Ausleihzahlen gebeten. Freundlicherweise hat Herr Romaric Thievent diese aufbereitet und kommentiert.

Ich übersetze hier aus dem Stegreif für die des Französischen nicht Mächtigen (soll es ausserhalb der Schweiz ja geben ;-)). Die zugehörigen Grafiken habe ich der Auswertung entnommen und in den Text eingefügt.

„Sie finden hier die Excel-Tabelle mit zwei Reitern. Im Reiter „Universitätsbibliotheken“ finden Sie Daten zur Entwicklung der Ausleihzahlen in den Universitätsbibliotheken zwischen 2003 und 2014. Ich präsentiere Ihnen zwei Versionen: Die erste Version enthält alle Universitätsbibliotheken. Die zweite Version enthält nur diejenigen Bibliotheken, die stabil geblieben sind (das ermöglicht einen besseren Vergleich), also ohne die Universitätsbibliothek Bern, die Universitätsbibliothek Genève und die Bibliothek der EPFL (ETH Lausanne). Drei Elemente können die Zeitreihe stören:

  1. 2008: Fusion der UB Bern mit dem Netz der Bibliotheken der Universität Bern zu einer einzigen Einheit
  2. Vor 2008 existierte die UB Genève nicht als einheitliche Institution, somit sind keine Zahlen für die gesamte Bibliothek in der Zeit vor 2008 verfügbar
  3. 2010: Fusion der Zentralbibliothek der EPFL mit dem Bibliotheksnetz „

Ausleihen-UBs

Abb. 2: Ausleihen in Universitätsbibliotheken 2003-2014 (ohne UB Bern und Genf und ohne Bibliothek der EPFL)

„Die detaillierte Liste der Bibliotheken sowie die Angaben zur Methodik findet sich im File im Anschluss an die Daten“ (Das File ist als Attachment unten am Beitrag verlinkt).“

Des Rätsels Lösung: diese markant steigende Kurve zeigt also die physischen Ausleihen in den Schweizer Universitätsbibliotheken! Trotz enorm steigenden Zugriffszahlen auf elektronische Medien (hier nicht abgebildet), trotz der steigenden Nutzung der Bibliotheksräume als Lernorte und trotz wahrgenommener sinkender Bedeutung der gedruckten Medien. Ich denke, die Ausleihe hat zum einen durch verbesserte Dienstleistungen (z.B. erweiterte Verbundausleihe) an Attraktivität gewonnen, zum andern nutzen gerade auch Studierende weiterhin gerne das gedruckte Medium, was wir aus verschiedenen Studien wissen. Aus meiner Sicht ist die Ausleihe eine „Cash Cow“, also eine etablierte Dienstleistung, die man durch Optimierungen weiterhin attraktiv gestalten kann. Aber sie sollte nicht im Fokus einer Bibliotheksstrategie stehen.

„Im Reiter „Off. Bibliotheken“ finden Sie Daten zur Entwicklung der Ausleihzahlen in den Öffentlichen Bibliotheken der Städte (Gemeinden mit mehr als 10’000 Einwohnern) zwischen 2007 und 2014. Es handelt sich hier um 82 Bibliotheken (auf 128 angefragte Bibliotheken in 2014), die eine Zahl zum Total der Ausleihen in jedem Jahr zwischen 2007 und 2014 geliefert haben (Die Bibliotheken, die nicht immer geantwortet haben, wurden also aus der Tabelle entfernt, weil sie den Vergleich verzerren würden). Die Liste der betroffenen Bibliotheken findet sich im Excel-File im Anschluss an die Daten.“

Ausleihen-OBs

Abb. 3: Ausleihen in Öffentlichen Bibliotheken von Schweizer Städten, 2007-2014

Bei den grösseren Öffentlichen Bibliotheken gehen also seit 2011 gehen die Ausleihzahlen zurück – von 22.5 Mio jährlich auf 21.5 Mio. Die elektronische Nutzung fällt hier noch deutlich weniger ins Gewicht, wobei diese auch nicht aufbereitet wurde. Kollege Hans-Christoph Hobohm hat im Rahmen eines Workshops unseres Network on Libraries in Urban Space (NLUS) Zahlen aus der deutschen Bibliotheksstatistik aufbereitet und im NLUS-Blog veröffentlicht. Ich erlaube mir hier, diese Grafik einzufügen:

public_libraries

Abb. 4: Gesamtauswertung Öffentliche Bibliotheken, Auswertung: HC Hobohm, Quelle: Deutsche Bibliotheksstatistik

Die Aussagen sind recht ähnlich: seit 2011 ist ein (leichter) Rückgang bei den Ausleihen zu verzeichnen, 2014 auch bei den Bibliotheksbesuchen. Im oben zitierten Beitrag haben die niederländischen Kollegen von einem deutlich stärkeren Rückgang berichtet.

Auch wenn ich diese Zahlen hier veröffentliche, möchte ich vor voreiligen Schlüssen warnen. Interessant ist zum Beispiel der Vergleich mit den Anzahl Bibliotheksbesuche. Ich habe die Zahlen für die Öffentlichen Bibliotheken in den Städten (ohne die differenzierte Auswahl der Bibliotheken, die immer Zahlen geliefert hat) aus der Bibliotheksstatistik schnell selber zusammengestellt (gewisse Verzerrungen sind also enthalten).

Besuche_ÖBs

Abb. 5: Anzahl Bibliotheksbesuche in Öffentlichen Bibliotheken in Schweizer Städten (2007-2014)

Wir konstatieren einen Rückgang 2014 nach einem leichten Anstieg 2013. Und wir konstatieren ein doch recht hohes Level – sowohl bei den Ausleihen wie bei den Besuchen. So, das wäre also die allgemeinen Zahlen. Nun ist es aber so, dass in den einzelnen Bibliotheken recht unterschiedliche Entwicklungen festzustellen sind. Einige berichten von steigenden Ausleihen und stark steigenden Besucherzahlen. Andere konstatieren rückläufige Ausleihen und abnehmende Besucherzahlen. Wichtig wäre auch noch zu unterscheiden, wie sich verschiedene Medientypen (Buch, CD, DVD, Hörbücher etc.) entwickeln.

Zudem muss natürlich auch die Statistik kritisch betrachtet werden. Der Vergleich mit der Nutzung elektronischer Dokumente ist sehr schwierig. Zum einen, weil die Daten recht unterschiedlich erhoben werden, zum andern weil gerade in der Deutschschweiz das E-Books-Angebot in Öffentlichen Bibliotheken über regionale Verbünde organisiert ist. Die einzelne Nutzung einer bestimmten Bibliothek zuzuschreiben ist dabei nicht einfach. Das wäre dann separat zu diskutieren. Auch die Zählweise von Ausleihen kann sich ändern: werden Verlängerungen als erneute Ausleihe gezählt oder nicht? Jede Veränderung muss in der Auswertung und beim Vergleich berücksichtigt werden. Dies müsste eine separate Untersuchung leisten.

Anhang: Ausleihen Universitäts- und Öffentliche Bibliotheken (Excel)

Autor: mrudolf

Professor for Library Science at HTW Chur (university of applied sciences), co-editor of Informationspraxis, co-principal investigator of the Horizon Report Library Edition, blogging on library topics - and also on mindful living (in German as Männerherz)

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